„Natur, rot an Zahn und Kralle“ – eine einprägsame Metapher, die oft Charles Darwin zugeschrieben wird. Tatsächlich stammt sie vom Dichter Alfred Lord Tennyson, neun Jahre vor Erscheinen von On the Origin of Species, und knüpft an frühere Evolutionsideen an. War Darwin also gar nicht so revolutionär, wie es scheint?
Ein Schlüsselfigur unter seinen Vorgängern war Charles’ Großvater Erasmus Darwin (1731–1802). Als angesehener Arzt trug er maßgeblich zur britischen Industrialisierung bei und verfasste Bestseller-Gedichte über wissenschaftliche Themen.
Noch überraschender: Erasmus war ein politischer Radikaler, der die Französische Revolution unterstützte. Er lehrte, dass der Mensch keine Sonderkreation Gottes sei, sondern das jüngste Glied in einer langen Kette der Entwicklung, beginnend bei einem winzigen Lebensfunken im Meer.
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Charles beschrieb die Natur als „großen Schlachthof, einen universellen Schauplatz von Raubgier und Ungerechtigkeit“ – doch diese Worte stammen von Erasmus. Ebenso seine Einsicht: „Der letzte Grund für diesen Kampf unter den Männchen scheint zu sein, dass das stärkste und aktivste Tier die Art fortpflanzen sollte, die dann verbessert werden sollte.“
Obwohl Erasmus vor Charles’ Geburt starb, prägte er ihn nachhaltig. Charles entkam dem familiären Erbe nicht: Die markante Nase, das Stottern und Warnungen vor erblichem Alkoholismus blieben präsent.

Kritiker mahnten Charles oft an Erasmus’ Ruhm – inklusive der Ehre, ein Buch auf dem Vatikan-Index zu haben. Wie sein Großvater provozierte Charles orthodoxe religiöse Ansichten, ohne sich als Atheisten zu bekennen.
Ein klares Vermächtnis: Der Abscheu vor Sklaverei. In Erasmus’ Gedichten heißt es:
E’n jetzt in Africs Hainen mit abscheulichem Geschrei
Heftige SKLAVEREI pirscht sich an und rutscht den Hunden der Hölle aus …
Diese Haltung prägte Charles lebenslang. Bei seiner Landung in Brasilien notierte er entsetzt: „Das Ausmaß, in dem der Handel betrieben wird; die Wildheit, mit der sie verteidigt wird; die anständigen (!) Leute, die sich damit befassen, sind alles andere als übertrieben.“
Charles studierte Erasmus’ medizinisches Handbuch Zoonomie, durchforstete Familienarchive für dessen Biografie und kommentierte seine Gedichte. Er übernahm sogar Beobachtungen, wie die einer Wespe, die einer Fliege die Flügel abreißt, um sie leichter zu transportieren.
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Er lernte von genauer Beobachtung: Männliche Merkmale wie verzweigte Hirschhörner oder Wachtelsporne zur Partnergewinnung; Einsichten ins Verhalten durch Elefanten, Eichhörnchen und Vögel.
Charles grübelte Jahre über Evolution, bevor er mit der Beagle segelte. Als Medizinstudent erkundete er Zoonomias revolutionäre These: „Dass in der langen Zeit, seit die Erde zu existieren begann … warmblütige Tiere aus einem lebendigen Faden entstanden sind … die Fähigkeit besitzen, sich durch ihre eigene innewohnende Aktivität weiter zu verbessern und diese Verbesserungen von Generation zu Nachwelt zu geben.“
Diese Idee war dreifach provokativ: Sie dehnte das Erdalter aus, ermöglichte Entwicklung ohne göttliches Eingreifen und sah schrittweise Veränderung statt fixer Schöpfung.
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Kurz nach seiner Rückkehr öffnete Charles ein Notizbuch mit dem unterstrichenen Titel „Zoonomia“. Er spekulierte über Anpassung an veränderte Umwelten und skizzierte seinen ersten Evolutionsbaum.
Erasmus’ ausführlichster Evolutionstext war das Gedicht Der Tempel der Natur (Vom Ursprung der Gesellschaft). Wie ein poetischer Vorläufer zu On the Origin of Species häufte er Beispiele an – eine Methode, die Charles übernahm.
Er wunderte sich über Rudimente wie männliche Brustwarzen als Spuren vergangener Formen und sah keinen göttlichen Plan in der Evolution. Sein Gott zündete den Funken und ließ Naturgesetze wirken.

Charles’ Autobiografie hebt Thomas Malthus hervor, doch dessen Essay von 1798 fiel in Erasmus’ Arbeiten an Der Tempel der Natur, wo er Natur als Kampf Gut gegen Böse sah: Wölfe zerreißen Lämmer, Adler Tauben, Haie Fischschwärme – essenziell gegen Überbevölkerung.
Aus Hungers Arm werden die Pfeile des Todes geschleudert,
Und ein großes Schlachthaus für die kriegführende Welt!
Erasmus’ Einfluss bleibt spekulativ, doch Charles stützte sich stärker darauf, als er zugab. Sah er im Spiegel seinen Großvater?
In Über den Ursprung der Arten umging Charles den Ursprung des Lebens – seiner eigenen Herkunft als Erasmus’ Enkel entrann er nie.