Am 27. Dezember 1984 erlebten Geologen im Far Western Icefield der Antarktis einen ungewöhnlich milden Sommertag: Temperaturen bis zu -20 °C, Flaute statt beißender Winde und eine blendend blaue Eisebene unter der Sonne.
Roberta Score und ihr Team patrouillierten stundenlang mit Schneemobilen in enger Formation durch das Gebiet, Abstände von etwa 30 Metern einhaltend. Die monotone Suche strapazierte die Sinne, doch Teamleiter John Schutt rief eine Pause am windgeformten Eissteilhang ein, umgeben von gefrorenen Wellen.
Auf dem Rückweg zum Suchgebiet entdeckte Score einen dunkelgrünen Fleck inmitten des hellen Eises. Sie stoppte ihr Schneemobil und signalisierte den Kollegen: Hier lag ein Bote aus dem Weltall – der Meteorit ALH84001.
Ursprünglich als harmloser Asteroid eingestuft, wurde das Gestein ins Labor gebracht. Zehn Jahre später wurde es zur globalen Sensation.
Mehr zum Leben auf dem Mars:
- Astrogeologie: Wie suchen wir nach Leben auf dem Mars?
- Wilde Ideen in der Wissenschaft: Wir haben bereits Leben auf dem Mars gefunden
- Gibt es Leben auf dem Mars? Folgendes wissen wir:
1993 bestätigten Forscher: ALH84001 stammt vom Mars, entstanden vor über 4 Milliarden Jahren aus vulkanischer Lava – fast so alt wie das Sonnensystem, dreimal älter als der zweitälteste Mars-Meteorit und älter als jedes irdische Gestein.
Molekulare Analysen zeigten: Vor 16 Millionen Jahren durch einen Einschlag ins All katapultiert, driftete es 13.000 Jahre durchs Sonnensystem, bis die Erdschwerkraft es in der Antarktis einsammelte.
NASA-Geochemiker Chris Romanek und Everett Gibson untersuchten orangefarbene Karbonat-Körner im Inneren. Auf der Erde entstehen solche Ablagerungen oft in Wasser, etwa aus versteinerten Schalen und Skeletten.
Ihre Ergebnisse deuten darauf hin, dass flüssiges Wasser mit gelöstem CO₂ in Risse des Gesteins sickerte und Karbonate absetzte. Der heutige Mars friert bei -60 °C durchschnittlich; ALH84001 kündet von einer wärmeren, gastfreundlicheren Vergangenheit.
Noch faszinierender: Mikroskopisch kleine, wurmartige und wurstförmige Strukturen nahe den Karbonaten, ähnlich winzigen Erdbakterien. Könnte Wasser nicht nur Karbonate, sondern auch Mikroben transportiert haben?

Im September 1994 präsentierten Gibson und Romanek Bilder an NASA-Experten David McKay. Er zog Mikroskopin Kathie Thomas-Keprta hinzu, die zunächst skeptisch war: "Ich dachte, er sei verrückt", sagte sie später, half aber bei der Analyse.
Sie scannten das Gestein mit orangefarbenen Karbonat-Kugeln in silbergrauem Orthopyroxen und entdeckten winzige schwarze Magnetit- und Pyrrhotit-Kristalle (Eisenoxid, Eisensulfid) an den Rändern – identisch mit denen magnetotaktischer Erdbakterien. Nicht-biologische Bildung erfordert extreme Bedingungen, unpassend zu den milden Karbonat-Ablagerungen.
Im Januar 1995 besuchte Bill Schopf (UCLA, Experte für 3,5 Milliarden Jahre alte fossile Mikroben) das Team. Skeptisch forderte er organisches Material als Beweis.
Thomas-Keprta schickte Proben (codename Mickey & Minnie) an Richard Zare (Stanford), dessen Laser-Massenspektrometer Spurenmoleküle detektiert.
Mehr zu außerirdischem Leben:
- Mögliche Anzeichen von außerirdischem Leben in der Atmosphäre der Venus entdeckt
- Die seltsamen Welten, auf denen außerirdisches Leben möglicherweise überleben könnte
Zare fand polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAKs) in den Karbonaten – organische Moleküle, die Viking 1976 auf dem Mars verfehlt hatte. PAKs entstehen biologisch wie in Erdöl oder nicht-biologisch, passen aber perfekt zu zerfallenen Bakterienzellen.
Das Team sah im Zusammenspiel von Karbonaten, Kristallen und PAKs einen starken Hinweis auf Leben. 1996 reichte es bei Science ein – nach harter Peer-Review (inkl. Carl Sagan) publiziert.
Es folgte ein Mediensturm: NASA-Chef Dan Goldin briefte Präsident Clinton und Al Gore. Am 7. August 1996 sprach Clinton live: "ALH84001 spricht über Milliarden Jahre und Millionen Kilometer von der Möglichkeit des Lebens."
Auf der NASA-Pressekonferenz präsentierten McKay, Gibson, Zare, Thomas-Keprta und Schopf Beweise, eine Animation wurmartiger Mikroben und "Fossilien"-Bilder unter tosendem Applaus.

Innerhalb von Tagen lasen Millionen das Paper online; Tausende Berichte überschlugen sich, übertrafen sogar die Mondlandung. USA Today: "Die Schlagzeile, auf die die Menschheit wartete." Kritik kam von Skeptikern und Fundamentalisten.
Zwanzig Jahre später hält sich der Konsens: Merkmale entstanden auf dem Mars in wässriger Umgebung bei 25-30 °C. Das NASA-Team hält Leben für plausibel, Kritiker fordern mehr Beweise.
ALH84001 begründete die Astrobiologie – interdisziplinär von Planetenbildung bis interstellaren Organika. Gibsons Worte: "Die Leitidee." Scores Fund veränderte unser Verständnis von Leben auf Erde und Kosmos.