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Kommentar: Zeit, Online-Fehltritte mit Verständnis zu begegnen statt zu zerreißen

Ein guter Freund von mir steckt gerade mitten in einem bösartigen Internetsturm. Aus einem harmlosen, vorübergehenden Fehler wurde ein Orkan – typisch für die Online-Welt. Der Sturm wird vorüberziehen, doch ich bin entsetzt, wie rasch er aufgebrandet ist und wie schutzlos mein Freund dastand.

Ich habe Ähnliches schon aus der Ferne erlebt: die Frau, die rücksichtslos twitterte, bevor sie ins Flugzeug stieg, und bei der Landung feststellte, dass ihr Post viral gegangen war; der Wissenschaftler, der eine große Entdeckung verkündete – in einem Hemd, das als anstößig empfunden wurde; ein Staatsführer, der mit alten Fotos konfrontiert wurde, die er lieber vergessen hätte. Solche Moment der Unachtsamkeit können mit wenigen Klicks zu lebensverändernden Katastrophen werden.

Das Internet allein ist nicht schuld an diesen Stürmen – wir sind es. Urteilen liegt uns im Blut, auch wenn manche versuchen, sich davon zu lösen. Denken Sie an Schlagzeilen über Berühmtheiten in Bedrängnis: Sie formen Figuren, an denen wir uns messen, wie die verlassene Frau, die Femme fatale oder der umworbene Mann. Diese modernen Märchen kalibrieren unseren moralischen Kompass.

Das Problem: Diese Charaktere und Reaktionen sind hochgradig kulturell und lokal geprägt. Verbunden mit dem globalen digitalen Netz, entstehen unvermeidlich Konflikte. Unsere Gehirne umfassen nicht, wie viele Menschen wir online erreichen – wir sprechen, als ob es nur unsere engsten, ähnlich denkenden Freunde wären, die den Witz kapieren und ihn für sich behalten. Im Internetzeitalter ist das illusorisch.

Kommentar: Zeit, Online-Fehltritte mit Verständnis zu begegnen statt zu zerreißen

Jetzt halten wir das moralische Vergrößerungsglas in der Hand. Wer übers Ziel hinausschießt, wird zur Zielscheibe. Doch wir machen zwei Fehler: Erstens verurteilen wir die Betroffenen lebenslang auf diesen einen Fehltritt festzulegen. Ja, sie sagten etwas Dummes – vielleicht ohne nachzudenken. Ich bin selbst bekannt für Nachlässigkeit, bin aber menschlich. Das Internet begleitet unsere losen Zungen erst seit zwei Jahrzehnten; es braucht mehr Lektionen in digitaler Reife.

Noch gravierender schaffen wir ein Forum, das von Haus aus aggressiv ist. Bleiben wir defensiv und ziehen voreilige Schlüsse, vergessen wir Nuancen, Kontext und menschliche Schwächen.

Beim Zuschauen, wie das Internet meinen Freund zerfleischt, fühlt es sich an wie eine Szene aus Margaret Atwoods dystopischer Welt: sinnlos, Produkt eines totalitären Systems. Fernab der Vision der Internetschöpfer.

Das nächste Mal, wenn Sie online etwas Störendes sehen: Atmen Sie tief durch. Menschen irren. Vielleicht formen Sie Ihre Reaktion so, dass sie nicht schürt, sondern eine Welt fördert, in der Empathie Standard ist, nicht Antagonismus.