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Social Media neu erfinden: Forscher am Polarization Lab bauen bessere Plattformen auf

In jüngster Zeit scheinen soziale Medien eher zu spalten als zu verbinden. Die unbeschwerten Zeiten, in denen Facebook half, Uni-Freunde zu finden, oder Twitter Nachrichten lieferte, sind vorbei. Stattdessen herrscht eine Kakophonie extremer Meinungen, bei der Sichtbarkeit der Preis für Provokation ist.

Was, wenn wir von vorne beginnen könnten? Ein multidisziplinäres Team aus Sozialwissenschaftlern, Statistikern und Informatikern am Polarization Lab in North Carolina, USA, zerlegt den Status quo und baut ihn peer-reviewed wieder auf.

Sie haben echte Social-Media-Plattformen im Labor mit menschlichen Nutzern entwickelt, um Regeln zu testen. Prof. Chris Bail, Gründungsdirektor des Labs an der Duke University, erklärt die Ergebnisse.

Was stimmt nicht mit Social Media?

Wir nehmen den aktuellen Zustand als gegeben hin, doch er ergibt wenig Sinn. Facebook startete als Bewertungsplattform für Attraktivität, Instagram als Party-Organisator (ursprünglich Burbn), TikTok und YouTube für lustige Videos. Warum diese Sophomorie-Plattformen als unvermeidbar akzeptieren?

Parallel zerbricht die Welt: Unhöflichkeit, Hass und Empörung wachsen. Es gibt starke Evidenz, dass Social Media dazu beiträgt – ein wachsender Konsens unter Experten.

Bevor wir ändern, müssen wir verstehen, wie Plattformen Verhalten formen. Deshalb bauten wir eine Forschungsplattform.

Basiert Ihre Plattform auf Bestehendem oder ist sie neu?

Sie simuliert Plattformen wie Twitter oder Facebook als Sandbox zum Testen – sicher, ohne reale Risiken. Noch spannender: Systematische Erkundung neuer Modelle.

Welche Modelle erkunden Sie?

Viele Tech-Führer wollen die Welt verbinden, wie Mark Zuckerbergs Mission für Facebook. Positiv: Ukraine-Spenden. Doch Robin Dunbars Forschung zeigt: Sinnvolle Beziehungen zu mehr als 150 Menschen sind schwer.

Unendliche Verbindungen könnten flache statt tiefer Bindungen schaffen, die Zivilgesellschaft stärken.

Beispiel für eine Nutzung?

Anonymität: Sie ermöglicht extreme Äußerungen ohne Konsequenzen – oft verstörend. Aber auch: Erkundung unpopulärer Ideen jenseits Gruppenzwang.

Ein Republikaner, skeptisch zu Wahlbetrugsvorwürfen, riskiert Angriffe. Anonym könnte er diskutieren, fokussiert auf Ideen, nicht Identität.

Wir testeten anonyme Politikgespräche (Einwanderung, Waffenkontrolle) parteiübergreifend. Hälfte des Teams erwartete Hass; einige Chats mussten gestoppt werden. Doch die Mehrheit war produktiv – mit weniger Polarisierung.

Kein Aufruf zur Anonymisierung bei Facebook, aber: Sollten Plattformen kontrollierte anonyme Räume bieten? Unsere Plattform ermöglicht solche Tests.

Kann sie weltweit genutzt werden?

Ja: Forscher passen sie an, publishen als App. Wir fokussieren Politik, doch Öffentliche Gesundheit (z.B. Psyche, Impfungen) profitiert ebenso.

Algorithmen und Polarisierung?

Aktuelle Algorithmen maximieren Reichweite: Sie verstärken virale Merkmale. Besser: Sozialwissenschaften-Ideen wie Inhalte, die Gruppen einen (z.B. Konservative und Labour).

Soziale Medien könnten Konsens fördern – über Politik hinaus, rassen- oder geschlechtsübergreifend. Weg vom Mülleimerfeuer der Empörung.

Manchmal entzünden solche Feuer wichtige Debatten.

Ja, Black Lives Matter löste Proteste aus. Doch große Bewegungen verlieren oft Nachhaltigkeit durch fehlende tiefe Bindungen. US-Meinung zu BLM: Von positiv zu neutral/negativ.

Diese Forschung fehlte bei Social-Media-Boom.

Sozialwissenschaftler hatten begrenzte Daten – im Gegensatz zu Physikern oder Biologen. Social Media brachte Massendaten: Das 'Goldene Zeitalter'.

Doch Skandale wie Cambridge Analytica sperrten Zugang. Deshalb: Eigene Plattformen bauen. Offene Fragen (Video vs. Text, Anonymität) bleiben unbeantwortet.


Über unseren Experten

Prof. Chris Bail ist Professor für Soziologie und öffentliche Politik an der Duke University und leitet das Polarization Lab. Er forscht zu politischem Tribalismus, Extremismus und Sozialpsychologie mit Social-Media-Daten und Computational Social Science.

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