Schmerzen begleiten uns seit Anbeginn der Menschheit – aber wie haben unsere Vorfahren sie gelindert? In Ausgabe 311 des BBC Focus-Magazins (hier abonnieren) tauchen wir tief in die Wissenschaft des Schmerzes ein: Warum spüren wir ihn, welche Rolle erfüllt er und wie können wir ihn bewältigen? Während die moderne Medizin vielfältige Optionen bietet, greifen viele heute noch auf bewährte traditionelle Mittel zurück. Wir stellen prähistorische und historische Ansätze vor – von wirksamen Klassikern bis zu kuriosen Experimenten.
Hier eine Auswahl traditioneller Schmerzlinderungsmethoden, basierend auf historischen Quellen und modernen Studien. Manche werden noch heute genutzt, andere wirken rückblickend fragwürdig:
Äther

Wo und wann: USA und Europa, 1842 bis Anfang des 20. Jahrhunderts.
Was es ist: Diethylether, auch Ether genannt, wurde Jahrhunderte vor seiner medizinischen Nutzung entdeckt. Zunächst gegen Lungeninfekte und Skorbut eingesetzt, diente es auch als Freizeitdroge. Bei sogenannten „Ether Frolics“ inhalierten Partygäste die Dämpfe über getränkten Tüchern. Der Arzt Crawford Long bemerkte dabei, dass Verletzte keine Schmerzen verspürten, und führte es 1842 als Operationsanästhetikum ein.
Funktioniert es? Ja, doch mit Nachteilen: Es verursacht Übelkeit beim Aufwachen und ist hochentzündlich. Deshalb wurde es durch das schnellere, nicht brennbare Chloroform abgelöst.
Weidenrinde

Wo und wann: Mesopotamien um 4000 v. Chr.; China und Europa ab 400 v. Chr.
Was es ist: Schon früh wurde Weidenrinde gegen Fieber und Entzündungen gekaut. Heute als Kapseln, Pulver oder Rinde erhältlich, hilft sie bei Kopfschmerzen, Arthrose und Rückenschmerzen.
Funktioniert es? Der Wirkstoff Salicin ist Vorläufer der Acetylsalicylsäure in Aspirin. In Kombination mit Flavonoiden und Polyphenolen wirkt es entzündungshemmend – Studien zeigen vergleichbare Effekte wie Aspirin bei niedrigerer Dosis. Nebenwirkungen sind mild, Magenprobleme seltener als bei Ibuprofen. Achtung: Bei Kindern Risiko für Reye-Syndrom wie bei Aspirin.
Akupunktur

Wo und wann: China, ca. 100 v. Chr.
Was es ist: Die Methode wird mindestens seit dem Huangdi Neijing (Klassiker des Gelben Kaisers) beschrieben. Sie basiert auf dem Fluss der Lebensenergie Qi durch Meridiane. Feine Nadeln an Akupunkturpunkten sollen Blockaden lösen und Heilung fördern.
Funktioniert es? Wissenschaftlich umstritten, doch Nadeln stimulieren Muskeln und Haut, was Endorphine freisetzt und Schmerzsignale blockiert. Bei fachgerechter Anwendung nur milde Nebenwirkungen wie leichte Schmerzen oder Müdigkeit.
Kurkuma

Wo und wann: Indien ab 1000 v. Chr.; China ab 500 v. Chr.
Was es ist: Das Gewürz aus der Kurkumawurzel, im Mittelalter „indischer Safran“ genannt, ist in der ayurvedischen und traditionellen chinesischen Medizin entzündungshemmend. Als Tee, Pulver oder Salbe anwendbar.
Funktioniert es? Curcumin gilt als sicher. Einige Studien deuten auf schmerzlindernde Effekte hin, doch fehlen robuste Belege.
Kokablätter und Trepanation

Wo und wann: Peru, ca. 1000 n. Chr.
Was es ist: Trepanation – Bohren eines Schädellochs – diente seit 10.000 v. Chr. gegen Kopfschmerzen oder Epilepsie, um „Dämonen“ zu befreien. Inkas nutzten Obsidianmesser und ließen Patienten Kokablätter kauen, deren betäubende Wirkung Kokain ähnelt. Auch gegen Höhenkrankheit eingesetzt.
Funktioniert es? Riskant: Infektionsgefahr hoch, viele starben. Doch geheilte Schädel deuten auf Überlebende hin – nach Trauma entlastend. Kokablätter bieten leichte Analgesie, sind nicht süchtig machend, aber für Schwangere gefährlich.
Blutegeltherapie (Leeching)

Wo und wann: Ägypten ab 1500 v. Chr. bis Europa im frühen 19. Jahrhundert.
Was es ist: Hirudo medicinalis entnahm Blut, um Schmerzen und Infektionen zu lindern. Im 19. Jh. populär in Europa.
Funktioniert es? Egel-Speichel enthält Anästhetika. Eine Studie (2003) zeigte bessere Wirkung als Diclofenac bei Arthroseschmerzen in der ersten Woche. Risiken: Blutungen, Infektionen.
Schlafschwamm

Wo und wann: Europa, 11. bis 17. Jahrhundert.
Was es ist: Meeresschwamm mit Opium, Alraune, Schierling und Bilsenkraut getränkt, dann erhitzt inhaliert. Essigschwamm weckte auf.
Funktioniert es? Sedierend wirksam durch Inhaltsstoffe, doch ungenau. Wurde durch längere Operationen obsolet.
Tabakraucheinlauf

Wo und wann: Europa, Ende 18. Jahrhundert.
Was es ist: Tabakrauch ins Rektum gegen Ertrinken, Bauchschmerzen oder Kopfschmerzen – angepasst von indigenen Methoden.
Funktioniert es? Nein, Tierversuche (frühes 19. Jh.) bewiesen Nutzlosigkeit; Karzinogene im Rauch.
Elektischer Fisch

Wo und wann: Ägypten, 2500 v. Chr.
Was es ist: Zitterrochen oder -wels stimulierten schmerzende Stellen.
Funktioniert es? Ähnlich moderner TENS-Therapie: Elektrische Impulse blocken Schmerzen oder fördern Endorphine. Wirksamkeit unsicher.