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Unethische medizinische Experimente: Dürfen ihre Ergebnisse Leben retten?

Vor über 30 Jahren, im Jahr 1988, holte der Hypothermie-Experte Robert Pozos ein Dokument aus der US-Kongressbibliothek, das die Grenzen medizinischer Ethik auf brutale Weise aufzeigt. Dieser 68-seitige Bericht eines US-Army-Offiziers nach dem Zweiten Weltkrieg detailliert die grausamen Experimente, die NS-Ärzte in Konzentrationslagern wie Dachau und Auschwitz an Häftlingen durchführten.

Die Beschreibungen dieser Praktiken – von Erfrierungen über lebende Sezierungen bis hin zu Vergiftungen und Sterilisationen ohne Betäubung – erinnern eher an Folter als an Wissenschaft und wurden angeblich zur Weiterentwicklung der NS-Medizin betrieben.

Nach den Nürnberger Prozessen der späten 1940er Jahre landeten diese Unterlagen in der Bibliothek, wo sie lange unberührt blieben.

Pozos, Leiter eines Hypothermie-Forschungslabors an der University of Minnesota, sah Potenzial für das Gute: Die präzisen Daten zu Kälteeinwirkungen und Aufwärmmethoden aus Experimenten für abgeschossene Piloten könnten seine Arbeit zur Behandlung schwerer Unterkühlung bereichern – Daten, die er ethisch nie selbst erzeugen könnte.

Dieser Ansatz löste Empörung aus: Wie kann man Folterdaten als Wissenschaft behandeln? Andere, darunter Opferangehörige, argumentierten, dass aus Leid Gutes entstehen sollte.

Unethische medizinische Experimente: Dürfen ihre Ergebnisse Leben retten?

Das Dilemma prägt bis heute die Ethikdebatte: Wie gehen wir mit Ergebnissen unethischer Forschung um?

Pozos war nicht allein. Der Hypothermie-Forscher John Hayward nutzte NS-Daten für Überlebensanzüge von Fischern in kalten Gewässern. 1989 wandte sich die US-Umweltschutzbehörde EPA an NS-Studien zu Phosgengas-Toxizität, da keine alternativen Humanstudien existierten – trotz Protesten.

"Bei der Nutzung solcher Daten gibt es zwei Schlüsselfragen", erklärt Dr. Sarah Chan, Medizinethikerin an der University of Edinburgh: "Machen wir uns mitschuldig am Unrecht? Legitimieren wir zukünftige Vergehen?" Chan hält die Nutzung für vertretbar, wenn beide Antworten 'nein' lauten.

"Es gibt starke Argumente auf beiden Seiten", sagt Bioethiker David Resnik vom US National Institute of Environmental Health Sciences. "Die Daten könnten öffentliche Gesundheit vorantreiben, schaffen aber einen gefährlichen Präzedenzfall."

Harte Entscheidungen

NS-Experimente markieren einen Tiefpunkt, doch viel medizinischer Fortschritt basiert auf fragwürdigen Praktiken. Frühe Anatomen wie Robert Knox nutzten Leichen von Grabräubern oder Mördern wie Burke und Hare.

Edward Jenner infizierte 1796 seinen Gärtnerjungen mit Kuhpocken – Grundlage der Pockenimpfung, die Millionen Leben rettete, heute jedoch strafbar.

Trotz Nürnberger Kodex hielten Verstöße an: Saul Krugman infizierte 1960er-Jahre Kinder mit Hepatitis; die Tuskegee-Studie (1932–1972) verwehrte Schwarzen Syphilis-Behandlung.

Unethische medizinische Experimente: Dürfen ihre Ergebnisse Leben retten?

Chan plädiert dafür, Ergebnisse zu nutzen, ohne die Täter zu ehren: "Viele unethische Forscher streben Anerkennung an – wir sollten Wissen trennen von Taten."

Moderne Fälle wie He Jiankuis CRISPR-Babys 2018 zeigen: Unethische Forschung verbreitet sich viral, unabhängig von Publikationen.

"Wissenschaft entkommt heute dem akademischen Korridor", warnt Chan.

Verschiebende Definitionen

Ethikstandards wandeln sich. "Was Kollegen einst akzeptierten, ist milder zu verurteilen als offenkundiger Verstoß", sagt Chan. Resnik: "Heutige Routine wie anonymisierte Gewebe könnte zukünftig tabu sein."

Unethische medizinische Experimente: Dürfen ihre Ergebnisse Leben retten?

Letztlich testet das Dilemma: Würden Sie NS-Daten in einer lebensrettenden Operation nutzen wollen? Viele Chirurgen greifen noch auf Pernkopfs Topographische Anatomie des Menschen zurück – basierend auf Drittreich-Opfern.

"Vor einer OP wollte ich, dass mein Chirurg das Beste nutzt", sagt Chan. Und Sie?