Seit dem Mittelalter pflegen Menschen eine enge Beziehung zu Honigbienen – geschätzt für ihren köstlichen, nährstoffreichen Honig, den wir gezielt ernten.
Im Laufe der Zeit verdrängten gehalten Honigbienen wilde Populationen, deren Lebensräume durch Abholzung schrumpften. In den späten 1940er Jahren erreichte die Varroa-Milbe Afrika und breitete sich rasch nach Europa und Amerika aus.
Heute sind nahezu alle kommerziellen Bienenvölker weltweit von der Varroa-Milbe befallen und erfordern Behandlung, um einen Kolonialkollaps zu verhindern. Lange ging man davon aus, dass auch wilde Honigbienen in Europas Wäldern ausgerottet wurden.
Benjamin Rutschmann und Patrick Kohl, Doktoranden an der Universität Würzburg, machten sich auf die Suche nach wilden Kolonien im Hainich-Wald. Sie installierten künstliche Futterstellen, um Bienen anzulocken und ihren Nestern zu folgen. Überraschenderweise entdeckten sie in diesem alten Buchenwald intakte wilde Populationen.
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Was als Freizeitprojekt begann, wurde zu einer systematischen wissenschaftlichen Studie. Die Forscher fanden, dass wilde Bienen bevorzugt verlassene Baumhöhlen nutzen, die Schwarzspechte (Dryocopus martius) hinterlassen – ideale Orte mit ausreichend Raum für Wintervorräte. Kollegen lieferten Koordinaten von rund 500 solcher Höhlen im Hainich und im Biosphärenreservat Schwäbische Alb.
"Jedes Jahr prüfen wir diese Bäume", erklärt Rutschmann. "Im Sommer sind etwa 10 Prozent der Spechthöhlen von Honigbienen besetzt – pro Tag finden wir so einige Kolonien."

Aus den Daten schätzen die Experten mehrere tausend wilde Kolonien in Deutschlands Wäldern. Doch diese Bienen stammen meist von entflohenen Schwärmen kommerzieller Stöcke und bilden keine stabilen Wildpopulationen. "Für sie wird es langfristig hart", warnt Rutschmann.
Wo nisten wilde Honigbienen?
Wildkolonien zu beobachten ist anspruchsvoll: Höhlen liegen oft 8 bis 80 Meter hoch. Fotograf Ingo Arndt schuf ein halbnatürliches Nest, indem er eine Kolonie zu einer umgestürzten Buche in seinem Garten lockte.
In sechs Monaten machte er über 60.000 Aufnahmen und dokumentierte Verhalten wie "Girlandenbienen" – Ketten von Arbeitern beim Wabenbau. "Ursachen sind rätselhaft: Gerüst oder Raummessung?", sagt Prof. Adam Hart von der University of Gloucestershire.

Arndts Setup offenbarte komplexere Strukturen: "An der Höhlendecke entsteht ein flexibles Netz verschachtelter Bienen – mal eng, mal weit", beschreibt Dr. Jürgen Tautz, emeritierter Professor für Honigbienenbiologie an der Universität Würzburg. Es könnte Eindringlinge abwehren und das Mikroklima regulieren.
Leben im Bienenstock
Dr. Bernd Grünewald vom Institut für Bienenforschung der Goethe-Universität Frankfurt platzierte Kameras direkt in der Wabe. Durch Querschnitte mit Glasabdeckung beobachteten sie Brutentwicklung: Arbeiter recyceln Wachs, Ammenbienen füttern Larven, "Heizbienen" halten 35 °C.
Diese kopfüber in Zellen kletternd erwärmen bis zu 70 benachbarte Zellen. "Durch thorakale Flugmuskeln erreichen sie 44 °C", erklärt Tautz.
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Bienen nutzen Hitze vielseitig: Stockwärme, Honigdickung, Verteidigung. Gegen Hornissen bilden sie Bälle, die Feinde bei 44 °C töten. "Brutal, aber effektiv", sagt Hart.

Hornissen können Völker stundenlang dezimieren. Zusätzlich belastet Varroa, Pestizide – subletale Dosen testen Forscher mit Verhaltensexperimenten.
Wie Bienen erforscht werden
Bienen dienen als Modellorganismen für Lernen: Abgekühlte Tiere werden gefesselt und trainiert, Rüssel als Reaktion auf Geruch + Zucker auszustrecken – wie Pavlovs Hunde.

"Es wirkt extrem, doch Bienen erholen sich vollends – essenziell für Gedächtnisstudien", betont Hart. Techniken decken sogar Drogen- oder Minensuche auf.
Offene Fragen bleiben: Überleben wilde Bienen langfristig? Welche Rolle spielen Netze? "Mehr Fragen als Antworten", resümiert Tautz. Rutschmann plant weitere Studien zu Nahrung und Überlebensfaktoren.
- Dieser Artikel erschien zuerst in Ausgabe 365 des BBC Science Focus Magazine – Hier erfahren Sie, wie Sie sich anmelden können