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Was Leichen uns lehren: Ein Tod-Experte teilt lebenslange Erkenntnisse

Ich bin mit Leichen aufgewachsen. Einige meiner frühesten Kindheitserinnerungen drehen sich um Dutzende von Särgen mit Verstorbenen – nicht nur um den einen oder anderen Familienangehörigen. Der Grund: Mein Vater war 35 Jahre lang Bestattungsunternehmer im amerikanischen Mittleren Westen.

Das Schicksal hat seltsame Wendungen genommen. Heute leite ich als Direktor das Center for Death and Society an der University of Bath, das weltweit einzige interdisziplinäre Forschungszentrum zu Tod, Sterben und dem toten Körper. Sterblichkeit prägt mein Leben und meine Karriere so stark, dass meine verstorbene Schwester Julie mich spielerisch den 'Oberherrn des Todes' nannte.

In meinem Buch Technologies of the Human Corpse erforsche ich die Geschichte und Bedeutung, die wir Lebenden toten Körpern zuschreiben – durch Technologien wie Einbalsamierung, Fotografie, Schienenverkehr, Wissenschaftsmuseen, Internierungslager oder radikale Lebensverlängerung.

Über Jahre hinweg habe ich analysiert, was Tote uns über die Lebenden verraten. Hier sind fünf zentrale Lektionen aus meiner Expertise.

Leichen beweisen: Eine lebende Person ist gestorben

Ein toter Körper verkörpert Kausalität: Ereignisse oder Kräfte haben zu seinem Zustand geführt. Leichen entstehen nicht einfach so – sie machen jede Situation ernst und dringend.

Im 17. Jahrhundert revolutionierte die Autopsie ('selbst sehen') die Todesursachenforschung. Ihr Erfolg erklärt, warum wir heute unbestimmte Todesursachen als besonders bedrückend empfinden – trotz fortschrittlicher Medizin und unzähliger CSI-Serien.

Was Leichen uns lehren: Ein Tod-Experte teilt lebenslange Erkenntnisse

Vergessen wir TV-Forensik: Wir erleben ein historisches Zeitalter realer Leichen mit klaren Ursachen – COVID-19-Opfer, Tote durch Polizeigewalt oder fehlende medizinische Versorgung. Diese spiegeln soziale Ungleichheiten wider und führen zur nächsten Lektion.

Leichen enthüllen politische Realitäten

Täglich sterben im Vereinigten Königreich rund 1.700 Menschen – unsichtbar für die Öffentlichkeit. Doch Pandemien oder Proteste machen sie plötzlich sichtbar. COVID-19-Tote und George Floyds Tod in Minneapolis wurden zu Katalysatoren für Veränderung.

Ob über 550.000 weltweite COVID-Opfer oder ein einzelner schwarzer Mann: Solche Leichen provozieren Fragen: Warum starb diese Person? Welche politischen Dynamiken trieben den Tod voran?

Was Leichen uns lehren: Ein Tod-Experte teilt lebenslange Erkenntnisse

Dies erinnert an HIV/AIDS-Leichen, die in Kapitel 3 meines Buches postmortale Politikveränderungen auslösten – etwa Ängste vor Berührung, die trotz Sicherheit Jahre andauerten. Ähnlich dokumentiert Without Sanctuary: Lynching Photography in America (2000) rassistische Lynchtode als Postkarten-Souvenirs. Dieses Buch empfehle ich jedem, der Schwarze Wut über ihre Toten verstehen will.

Leichen werden sichtbar – bis wir wegschauen

Teil nationaler Todesinfrastrukturen – von Friedhöfen bis globalen Repatriierungen – werden Leichen normalerweise verborgen. Bei Überlastung, wie in New York oder London während COVID-19, müssen sie irgendwohin.

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Massentode überfordern Systeme und dringen in die Welt der Lebenden ein. Doch oft schauen wir weg: 38 Millionen AIDS-Tote sind weitgehend vergessen.

Leichen nicht verstecken: Vermeiden Sie virologischen Determinismus

Statt menschliches Versagen (z. B. von Regierungen) dem Virus allein zuzuschreiben, zeigt COVID-19: Leichen lassen sich nicht verbergen. Pflegeheime offenbaren hohe Todeszahlen unvermeidbar.

Ein Toter ist Tragödie, 20.000 eine Katastrophe. Vertuschungsversuche provozieren Angehörige und Anwälte. George Floyds Video machte seinen Tod öffentlich – und wirkt bis heute.

Leichen und die Kraft der Trauer

Meine Schwester Julie starb 2018 an einem Hirntumor in Italien. Am Flughafen Bristol stieg ich ein, als sie ihren letzten Atem tat. Im Hospiz saß ich lange bei ihrer Leiche, sprach mit ihr – eine Erfahrung, die den Verlust greifbar machte.

Wie in meiner Jugend, doch diesmal persönlich: Julie bleibt aktive Präsenz in meinem Leben. Leichen lehren uns Trauer, machen den Abschied real.