Im Jahr 1965 schuf Rudolph Zallinger eine ikonische Illustration für die Time-Life-Bücher, die oft nachgeahmt und parodiert wurde. Das Original, bekannt als Der Marsch des Fortschritts, zeigt links ein schimpansenähnliches Wesen und endet rechts mit einem gesunden, athletischen Mann europäischer Abstammung.
Die klare Botschaft: Die menschliche Evolution ist ein linearer Fortschritt von primitiven Ursprüngen zu uns, dem Höhepunkt der Natur. Mutter Natur könne nun ruhen – wir beherrschen unser Schicksal. Doch das ist ein Trugschluss. Evolution endet nie.
Evolution bedeutet kumulative Veränderung, speziell in der Biologie Änderungen der Allelhäufigkeiten in Populationen. Allele sind Varianten eines Gens; ihre Verteilung wandelt sich durch Mutationen, Migration und Zufall. Wo Veränderung stattfindet, evolviert die Art.

Hört die Evolution jemals auf?
Technisch evolviert alles ständig, doch viele meinen mit Evolution die natürliche Selektion: Allele verbreiten sich, wenn Träger besser überleben, gedeihen und sich vermehren. Sie formt Anpassungen – Merkmale, die Fortpflanzung in der Umwelt erleichtern.
Diese Logik ist intuitiv und begründet Schöpfungsmythen ebenso wie moderne Wissenschaften von Verhaltensforschung bis Public Health.

Scheint Evolution durch Medizin und Industrialisierung gestoppt? Der demografische Übergang – sinkende Säuglingssterblichkeit, längeres Leben, fallende Geburtenraten – reduziert Variabilität, die Selektion braucht. Doch global bleibt Kindersterblichkeit hoch: 2015 über 5 % in 30 Ländern subsaharas (UN-Daten). Hier selektiert alles für Überleben bis zum fünften Lebensjahr.
Selbst bei sinkender Sterblichkeit können Veränderungen Selektion neu lenken. Beispiel: Zweieiige Zwillinge. Früher benachteiligt durch kleinere Größe, überleben sie heute dank Medizin besser. Assoziierte Allele werden häufiger – eine plausible Zukunftsperspektive.

Soziale Faktoren treiben Veränderungen voran
Selektion wirkt auf Fortpflanzungsraten. In USA und Europa erreichen fast 20 % der Frauen kinderlos die Menopause. 2011 wünschten in CH, D, A, NL 1/20 (18-40-Jährige) Kinderlosigkeit; bei NL-Männern 1/6. Soziale Werte beeinflussen das.
Kinderlosigkeit kann auch unbeabsichtigt sein, z. B. durch späte Familiengründung. Genetik bestimmt Fruchtbarkeitsalter; Selektion begünstigt späte Fruchtbare – doch assistierte Reproduktion dämpft das.

Familienentscheidungen hängen von Kosten, Unterstützung, Partnerschaftsstabilität und Karriere ab – geprägt von Kultur.
Kulturelle Effekte
Kultur – Werte, Praktiken, Technologien – variiert und formt Selektion. Späte Elternschaft ist kulturell bedingt und wandelbar.
Technologie isoliert nicht von Selektion; sie schafft neue Drücke. Historisch: Laktasepersistenz bei Viehzüchtern – Mutanten nutzten Milch als Erwachsene, verbreiteten sich.

Ernährungstechnologien verkleinerten unsere Kiefer und Därme; Kultur ist in unseren Knochen.

Wir meistern unser Schicksal seit Millionen Jahren, weben aber enger in evolutionäre Kräfte hinein. Kein Marsch mit Ende – wir sind Teil der Natur.
- Dieser Artikel erschien zuerst in Ausgabe 302 des BBC Science Focus Magazine.