Wer waren die Denisovaner?
Kurz gesagt: Nicht einmal Wissenschaftler sind sich sicher. Etwas ausführlicher: Die Denisova-Menschen waren eine ausgestorbene Verwandte der modernen Menschen, die in Sibirien und Ostasien lebten. Einige Experten sehen sie als eigenständige Art der Gattung Homo, andere als östliche Neandertaler.
Der genaue Zeitraum ihrer Existenz ist schwer zu bestimmen, da nur wenige Fossilien bekannt sind. Die gefundenen Reste deuten darauf hin, dass sie vor 50.000 bis 200.000 Jahren in der Denisova-Höhle in Süd-Sibirien lebten – daher ihr Name. Ein Unterkieferfragment aus einer Höhle auf dem tibetischen Plateau zeigt zudem, dass sie dort vor mindestens 160.000 Jahren präsent waren.
Diese Funde legen nahe, dass Denisovaner Zeitgenossen der Neandertaler und sogar des Homo sapiens (erschienen vor rund 300.000 Jahren) waren. DNA-Analysen belegen, dass Neandertaler und Denisovaner die Denisova-Höhle nutzten, wenn auch nicht gleichzeitig.

Wie wurden die Denisovaner entdeckt?
Die Denisovaner sind die erste Menschengruppe, die allein durch DNA entdeckt wurde – und das weitgehend zufällig. 2010 isolierte der deutsche Genetiker Prof. Johannes Krause (damals Promovend) mitochondriale DNA aus einem Fingerknochen aus der Denisova-Höhle, den er für neandertalerisch hielt. Tatsächlich stieß er auf eine neue Linie: die Denisovaner.
Dieser Durchbruch ermöglichte die Sequenzierung des gesamten Denisova-Genoms, obwohl nur wenige kleine Knochenfragmente, Zähne und ein winziger Knochen vorlagen.
2019 bestätigte eine Proteinanalyse die rechte Hälfte eines Unterkiefers aus den 1980er Jahren aus der Baishiya-Karsthöhle auf dem tibetischen Plateau als denisovanisch – trotz fehlender DNA.
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Viele Experten vermuten, dass diverse ostasiatische Homininen-Fossilien denisovanisch sind und fehlklassifiziert wurden. Ohne DNA- oder Proteinanalysen und mit wenigen Referenzfossilien bleibt das jedoch unklar.
Wie sahen Denisova-Menschen aus?
Sogar bei Hunderten von Neandertaler-Fossilien gibt es offene Fragen zu ihrem Aussehen. Bei den erst 2010 entdeckten Denisovanern ohne Teilschädel ist das noch schwieriger.
Die wenigen Funde zeigen große Zähne, einen massiven Kiefer und möglicherweise ein abgeflachtes, breites Hirnschädelknochen. Eine innovative Methode basierend auf DNA-Methylierung (die Genexpression analysiert) deutet auf ein breites Becken, einen großen Brustkorb, ausgedehnte Gelenkflächen, eine niedrige Stirn und einen breiten Schädel hin – wenngleich diese Technik noch kontrovers diskutiert wird.

Paarten sie sich mit Neandertalern?
Ja! Ein 2,5 cm großes Knochenfragment aus der Denisova-Höhle von 2012 sorgte für Schlagzeilen. Zunächst unter Tausenden Tierknochen übersehen, wurde es 2016 als Homininen-Rest identifiziert und ans Max-Planck-Institut geschickt.
2018 ergab sich: Es gehörte „Denny“, einem 90.000 Jahre alten Mädchen mit neandertalerischer Mutter und denisovanischem Vater.
In einer Sammlung von kaum mehr als einem Dutzend Fragmenten ein Hybrid – Zufall oder häufige Kreuzung?
Warum starben die Denisovaner aus?
Das Aussterben der Denisovaner bleibt rätselhaft, ohne Hinweise auf Katastrophen. Möglicherweise wurden sie von Homo sapiens verdrängt, doch Belege fehlen.
Sogar das Wann ist unklar: DNA deutet an, dass sie in Neuguinea und umliegenden Inseln bis vor 15.000 bis 30.000 Jahren überlebten.
Bekannt ist: Homo sapiens paarte sich mehrmals mit Denisovanern – mit Vorteilen für uns. Die EPAS1-Variante bei Tibetern und Sherpas schützt vor Höhenkrankheit (Hypoxie). Ozeanier haben ein gestärktes Immunsystem durch denisovanische Gene.
Über die Autorin – Ella Al-Shamahi
Ella Al-Shamahi ist Paläoanthropologin, TV-Moderatorin und Autorin von The Handshake: A Gripping History (10,99 £, Profile Books). Mit jahrelanger Expertise in der Erforschung alter Menschenarten teilt sie fundierte Einblicke.