Forscher haben entdeckt: Durch die Vermischung mit modernen Menschen wurde das Y-Chromosom der Neandertaler vollständig ersetzt.
Seit der ersten Sequenzierung von Neandertaler-DNA im Jahr 1997 nutzen Wissenschaftler genetische Analysen, um Einblicke in diese ausgestorbene Menschengruppe zu gewinnen – unsere engsten evolutionären Verwandten.
Bisher waren die am besten erhaltenen Neandertaler-Funde meist weiblich, weshalb eine Untersuchung ihres Y-Chromosoms, das nur Männer besitzen, schwierig war. Dieses Chromosom wird väterlich weitergegeben und liefert wertvolle Hinweise auf die männliche Abstammung und Artengeschichte.
Ein internationales Team hat nun eine innovative Methode entwickelt, um Y-Chromosom-Moleküle aus kontaminierten DNA-Proben alter Knochen und Zähne zu isolieren.
Die Forscher rekonstruierten die Y-Chromosomen von drei männlichen Neandertalern, die vor 38.000 bis 53.000 Jahren lebten – kurz vor ihrem Aussterben. Zusätzlich analysierten sie die Y-Chromosomen von zwei männlichen Denisova-Menschen, einer weiteren ausgestorbenen Verwandtengruppe der Neandertaler in Asien.
Beim Vergleich mit modernen menschlichen Y-Chromosomen fiel auf: Neandertaler- und moderne Varianten sind sich ähnlicher als die der Denisova-Menschen.
„Wir wissen, dass Neandertaler und Denisova-Menschen eng verwandt waren und dass heutige Menschen ihre entfernteren Verwandten sind“, erklärt Hauptautor Dr. Martin Petr vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. „Wir erwarteten daher ein ähnliches Bild bei ihren Y-Chromosomen.“

Die Vermischung moderner menschlicher Männer mit Neandertaler-Frauen führte offenbar dazu, dass die modernen Y-Chromosomen die neandertalerischen verdrängten – ein klarer Beweis für den Genaustausch in beide Richtungen.
Die Wissenschaftler vermuten, dass die kleine Populationsgröße der Neandertaler schädliche Mutationen auf dem Y-Chromosom begünstigte.
„Angesichts der zentralen Rolle des Y-Chromosoms für Fortpflanzung und Fruchtbarkeit könnte die geringere Fitness der Neandertaler-Variante durch natürliche Selektion zu ihrem Aussterben geführt haben“, so Petr.