Haben Sie schon mal einen solchen Tag erlebt, an dem scheinbar alles schiefgeht? An dem Sie sich selbst satt haben und sich mit harten Selbstvorwürfen bombardieren – Worten, die Sie keinem Freund zumuten würden? Solche Momente kennt jeder von uns gelegentlich.
Während gelegentliche Selbstkritik normal ist, wird sie bei Menschen mit Depressionen oft zu einem endlosen Kreislauf aus quälendem Selbstmobbing. Therapien zielen darauf ab, diesen Zyklus zu durchbrechen – und eine innovative Methode nutzt hier virtuelle Realität (VR). Am University College London (UCL) entwickeln Prof. John King und Dr. Emma Jayne Kilford eine VR-Intervention als Ergänzung zur klassischen Gesprächstherapie bei Depressionen. Ziel: Die Fähigkeit zu mehr Selbstmitgefühl stärken durch einen neuartigen Perspektivwechsel.
Im VR-System betreten Patienten einen virtuellen Raum mit zwei Avataren: einem Kind und einem Erwachsenen. Zuvor lernen sie ein mitfühlendes Skript in drei Schritten: Erfahrung validieren, Aufmerksamkeit umlenken und positive Erinnerung aktivieren.
Beim Eintreten konfrontiert der Patient das leidende virtuelle Kind und tröstet es mit dem Skript, bis dessen Not nachlässt. In der nächsten Sitzung wechselt die Rolle: Der Patient wird zum Kind und erlebt seinen eigenen Erwachsenen-Avatar (aus der vorherigen Session), der das Mitgefühlsskript anwendet. „Sie sitzen da wie ein Kind“, erklärt King, „und erleben buchstäblich Mitgefühl. Es ist eine hochintensive Form der Imagination.“ Der Avatar kann dem Patienten ähnlich gestaltet werden – optional.
Erste Studien mit selbstkritischen Schülern und Depressiven zeigten signifikante Reduktionen von Selbstkritik und Depressionen sowie Zuwächse an Selbstmitgefühl. Eine größere Studie läuft nun, um diese Methode als Standardoption zu etablieren.
VR-Therapie bei Phobien
VR-Therapien für psychische Erkrankungen boomen: Seit den 1990er Jahren erforscht, machen Fortschritte bei Headsets und sinkende Kosten sie klinisch machbar. Etabliert ist VR vor allem bei Angststörungen und Phobien, wo kontrollierte Exposition die Angst schrittweise abbaut.
„Jahrelang litt ich unter Höhenangst“, berichtet Judith Keeling aus Oxford, die an einer VR-Studie teilnahm. „Fasziniert, aber skeptisch, probierte ich es.“ Im Headset landet man im Atrium eines Einkaufszentrums, wählt die Etage, fährt mit dem Aufzug hoch. Eine Glasbarriere trennt vom Abgrund – dann verschwindet sie. „Ich sprang zurück“, erinnert sich Judith.
Trotz bewusster Unrealität fühlte es sich echt an. Prof. Daniel Freeman von der University of Oxford erklärt: „Der Computer diktiert Ihre Realität. Der bewusste Verstand weiß: Es ist sicher – perfekt, um neues Verhalten zu lernen, ohne den Angstbann zu brechen.“
Auf jeder Etage werden Aufgaben schwieriger, bis zur obersten mit einer durchsichtigen, wackeligen Brücke. Erfolgreich? Belohnung: Reiten auf einem Blauwalf durchs Atrium. „Unwirklich, aber machbar“, sagt Judith. Nach drei Sitzungen meisterte sie Leitern in Angkor Wat problemlos.
- Hören Sie Prof. Daniel Freeman im Science Focus Podcast zur VR-Therapie
Immersive Therapie revolutioniert
Freeman sieht VR als Automatisierungstool: „Effektive Therapien erreichen zu wenige. VR verbessert Zugang und Wirksamkeit – jenseits herkömmlicher Grenzen.“
Bei PTSD (posttraumatische Belastungsstörung) mit Symptomen wie Übererregung, Vermeidung und Flashbacks hilft VR wie Bravemind von Dr. Albert „Skip“ Rizzo (University of Southern California). Für Afghanistan-Veteranen simuliert es 14 Welten, therapeuten-gesteuert an individuelle Traumen angepasst. „Beste Tech für Training, auch für Heilung danach“, sagt Rizzo.
Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie bleiben, doch immersiver. Mit Therapeuten gleichwertig oder besser; fMRT zeigt Gehirnveränderungen.
Sichere Umgebung für Paranoia und Psychosen
Am King's College London (IOPPN) testet Dr. Lucia Valmaggia VR bei Psychosen mit Paranoia und Halluzinationen. Simulierte Szenarien wie eine VR-Kneipe trainieren Bewältigung.
„VR als Einstieg: Atmen lernen, ohne echtes Risiko“, erklärt Valmaggia. „Bewusste Unrealität ermutigt zu Experimenten in ökologisch gültiger Umgebung.“
Jemma*, diagnostiziert 2019 mit Psychose, erstarrte anfangs in der VR-Kneipe: „Viszerale Angst, aber ehrlich.“ Mit Übung und Support wurde sie selbstbewusster. Ergänzt durch YouTube-Delfin-Entspannung.
VR in Kliniken: Chancen und Herausforderungen
Headsets günstiger, doch Klinikfinanzierung und Datensicherheit entscheidend. „Tech rast voraus, Regulierung hinkt nach“, warnt Kilford. Studien müssen aktuell bleiben; VR passt zu verhaltenstherapeutischen Ansätzen.
Rizzo prognostiziert: „Bald wie Toaster zu Hause – jeder Kliniker mit Headset und Training.“ 5G erleichtert Cloud-VR. Anwendungen reichen von Essstörungen bis Mobbing bei Kindern.
VR ersetzt Therapeuten nicht, ergänzt sie. In UK-NHS-Kliniken bereits verfügbar. Wählen Sie evidenzbasierte Programme, co-designt von Experten und Betroffenen.
*Jemma wünscht Anonymität via Vorname.
- Dieser Artikel erschien zuerst in Ausgabe 358 des BBC Science Focus Magazine.