Sie bringen einfach keinen Arbeitsbericht voran? Oder haben Sie nach dem Eintippen des Aufsatztitels schon eine Pause eingelegt? Keine Sorge: Dieser Zauber des Aufschiebens – das bewusste Verschieben von Aufgaben – ist möglicherweise nicht allein Ihre Schuld. Vielleicht können Sie sogar Ihren Eltern einen Teil davon zuschreiben.
Nun, teilweise. Zwar tragen Sie die volle Verantwortung für Ihr Handeln (oder Nicht-Handeln), doch neuere neurowissenschaftliche und psychologische Studien deuten darauf hin, dass die Neigung zum Aufschieben erblich sein kann.
Wie stark wirken sich Ihre Eltern aus? Spielen bestimmte Gene eine Rolle? Und was können Sie tun, wenn Sie dazu neigen?
Zögern Sie nicht länger: Mit Unterstützung von Dr. Fuschia Sirois von der University of Sheffield, die seit über 20 Jahren Prokrastination erforscht, beleuchten wir diese Fragen – und liefern evidenzbasierte Strategien, um Ihre Trägheit zu überwinden.
Ist Aufschieben genetisch bedingt?
Laut Forschungen der letzten zehn Jahre ist die Tendenz zum Aufschieben teilweise genetisch. Eine bahnbrechende Studie in der Psychological Science untersuchte eineiige Zwillinge und kam zu dem Schluss, dass 46 Prozent der Prokrastinationsneigung auf genetische Faktoren zurückzuführen sind – was das Verhalten "mäßig vererbbar" macht.
Diese Studie mit Fragebogen-Daten von 663 Personen ist jedoch nicht fehlerfrei. Es ist schwierig, Natur und Erziehung strikt zu trennen, da viele Zwillinge im selben Haushalt aufwachsen. Wie Sirois betont: "Es gibt immer eine Wechselwirkung zwischen Genen und Umwelt."
Wissenschaftler haben noch keine spezifischen Gene identifiziert, die direkt zum Aufschieben führen. Eine faszinierende Studie aus 2018 fand jedoch Hinweise auf ein Gen, das am Enzym Tyrosinhydroxylase beteiligt ist und die Dopamin-Regulation beeinflusst.
Nach Analyse der Gene von 278 Personen und Fragebögen zeigten die Forscher: Bei Männern gab es keine Korrelation, bei Frauen mit einer bestimmten Genvariante war die Prokrastinationsneigung höher.
Leider passt das nicht zu einer früheren großen Studie, die eine negative Korrelation zur Amygdala-Größe fand – einer Hirnregion für Emotionsverarbeitung. Je größer die Amygdala, desto stärker die Neigung zum Aufschieben.
Wichtig: Diese Studien zeigen Zusammenhänge, keine Kausalität. Eine große Amygdala verursacht nicht zwangsläufig chronisches Aufschieben – es könnte umgekehrt sein.
Sirois ist dennoch überzeugt: Angeborene biologische Faktoren spielen eine Rolle. "Manche Menschen haben höhere oder niedrigere Schwellen für negative Emotionen", erklärt sie. "Bei niedriger Toleranz und fehlender Emotionsregulation wird Aufschieben zur schnellen Linderung – mit sofortiger Stimmungsaufhellung, die das Verhalten verstärkt."
Ist Prokrastination weltweit ein Problem?
Es fehlen globale Daten (kein Wunder bei solch einem Thema). Lokale Studien aus USA, Großbritannien, Australien, Italien und Polen zeigen: Etwa 20 Prozent procrastinieren regelmäßig, bei Studenten deutlich mehr. Allerdings variieren Fragebögen und Demografien.
Kulturelle Unterschiede sind markant. "In Teilen Lateinamerikas ist man entspannter – es geht um Beziehungen, nicht Produktivität", sagt Sirois. "In produktivitätsorientierten Kulturen wie Deutschland herrscht Null-Toleranz."
Diese Stigmatisierung als "Faulheit" schadet jedoch. "Das fördert Scham und negatives Selbstbild, was mehr Aufschieben auslöst", warnt sie. Chronische Prokrastinierer sind selbstkritisch: "Warum habe ich es wieder bis zur Deadline aufgeschoben?"
Stattdessen hilft Selbstmitgefühl, den Kreislauf zu durchbrechen. Sirois empfiehlt Achtsamkeit und einen Brief an sich selbst: "Stellen Sie sich vor, ein Freund hätte das Problem – was würden Sie ihm sagen? Das zeigt: Aufschieben ist menschlich, Sie sind nicht allein."