An einem bewölkten Maitag biege ich rechts auf den Olympic Parkway in Chula Vista, Kalifornien, ab. Die Berge zu meiner Linken markieren die natürliche Grenze zwischen den USA und Mexiko; politische Trennlinien verblassen vor der unentschiedenen Landschaft, die sich über die Hügel erstreckt. Ich biege auf den Gold Medal Way ein und erblicke mein Ziel.
Meine Reise zum Elite Athletic Training Center nahm ihren Anfang bei den Paralympischen Spielen 2012 in London. Diese Veranstaltung war ein Meilenstein: Nie zuvor erlebte der Wettbewerb, der Jahrzehnte lang im Schatten der Olympischen Spiele stand, solch einen öffentlichen Hype.
Es war ein Durchbruch in der TV-Repräsentation und ein gesellschaftlicher Wandel in der Wahrnehmung behinderter Menschen auf den britischen Straßen. Ich war fasziniert.
Als gesetzlich blinder Mensch bin ich ohne Brille auf farbige Flecken beschränkt, erkenne aber Hindernisse wie ein Fass auf dem Weg. Doch unten auf der Londoner Bahn – und nun hier vor mir – laufen und springen voll erblindete Athleten schneller und weiter, als ich es mir vorstellen kann, geführt von ihren Guides.
Heute führt mich ein besonderer Guide zum Training Center für ein Dokumentationsprojekt. Wesley Williams, ein ehemaliger Leichtathlet mit eigener Karriere bei Team USA, stimmte einem Gespräch zu. Das Alter holte ihn früh ein, und sein Sportlerleben schien beendet.
Doch ein Freund kehrte 2004 aus Athen mit begeisternden Guide-Runner-Erfahrungen zurück. Williams wurde Guide, führte in seiner ersten Saison sehbehinderte Athleten über die Ziellinie, über die Latte und in den Sandkasten. "Noch nie war ich so fit", sagt er.
Seit 14 Jahren ist er das Auge für Weitspringer Lex Gillette, der mit seiner Hilfe Medaillen und Weltmeistertitel holte. Am Wettkampftag positioniert sich Wesley am Ende der Landebahn, schreit, klatscht, brüllt – Lex trianguliert die Richtung und sprintet auf Weltrekorddistanz: 6,7 Meter (22 Fuß).
2012 gewannen sie die erste paralympische Medaille in London. Fünf Tage die Woche trainieren sie von 10 bis 15 Uhr: Wesley und Lex sprinten, springen, perfektionieren.
Abends jammern sie musikalisch, lachen über dieselben Witze. Es ist mehr als Arbeit – es dreht sich um tiefes Vertrauen.
Auch 2021, inmitten von Pandemie und olympischen Träumen, bleiben sie fokussiert: In 30 Jahren wollen sie auf einer Veranda in der kalifornischen Sonne reflektieren, dass ihre gemeinsame Reise mehr wert war als jede Medaille. Sie machten einen Blinden sehend und sprangen weiter, als je erträumt.
- Dieser Artikel erschien zuerst in Ausgabe 365 des BBC Science Focus Magazine.