Der renommierte Evolutionspsychologe Steven Pinker argumentiert in seinem Bestseller Die besseren Engel unserer Natur, dass die Menschheit langfristig weniger gewalttätig geworden ist. Nie zuvor seien wir so friedlich gewesen – und dieser positive Trend halte an.
Seine Belege: Sinkende Raten gewaltsamer Todesfälle pro 100.000 Einwohner, der Rückgang von Praktiken wie Menschenopfern sowie weniger gezielte Gewalt wie Lynchjustiz, Pogrome und häusliche Missbrauchsfälle. Diese Entwicklungen entstanden trotz temporärer Rückschläge durch Kriege – getrieben vom Aufstieg moderner Staaten, Handel, Geschlechtergleichstellung, Kosmopolitismus und Vernunft.
Doch präzise Zahlen aus der Vergangenheit sind schwer zu ermitteln. Globale Daten zu häuslicher Gewalt – oft die häufigste Form – fehlen weitgehend. Auch koloniale und kriminelle Gewalt werden systematisch unterschätzt.
Unbestritten sind die Kriege und Völkermorde des 20. Jahrhunderts die blutigsten der Geschichte. Absolute Zahlen aus einem Datensatz kriegsbedingter Todesfälle seit 1400 deuten auf zyklische Muster hin statt auf einen stetigen Abwärtstrend. Die Wahl zwischen absoluten und relativen Raten ist entscheidend.
Relative Schätzungen zeigen das Risiko eines gewaltsamen Todes pro Zeitraum, werden aber durch Bevölkerungswachstum verzerrt. Fortschritte in Medizin, Handel und Technologie verlängern Leben, senken relative Raten – auch wenn absolute Zahlen steigen. Abnehmende Gewalt könnte also weniger mit zunehmender Friedfertigkeit als mit Wohlstand und Medizin zu tun haben.
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Bevölkerungswachstum verstärkt diesen Effekt: Das Töten von mehr Menschen absolut kann relativ weniger wirken. Würden 1600 eine Million Briten sterben, wäre das relativ höher als heute fünf Millionen – bei größerer Bevölkerung. Reine Relative betrachten lässt uns friedlicher erscheinen, ignoriert aber zusätzliche Millionen Tote.
Können wir Weltfrieden erreichen?
Für die letzten zwei Jahrhunderte liefern robustere Daten Hinweise: Weniger Schlachtfeldopfer seit 1950, weniger Kriege zwischen Großmächten seit 1600. Doch sind das Trends oder Zyklen? Internationale Kriegsdaten unterschätzen Bürgerkriege vor 1950; bessere Erfassung würde die Friedenshypothese stützen.
Regional ist der Frieden greifbarer: Westeuropa genießt seit 1945 beispiellosen Frieden, Südostasien und Südamerika zeigen Rückgänge seit den 1960er-Jahren – trotz steigender organisierter Kriminalität letzterer. Diese "Friedensnester" halten Jahrzehnte. Wenn Frieden zeit- und ortsweise möglich ist, warum nicht global und dauerhaft?