Die weltweiten Lockdown- und Abstandsmaßnahmen zur Pandemiebekämpfung haben zu einer hohen Belastung der psychischen Gesundheit geführt – mit mehr Depressionen, Angststörungen und posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS). Das ist nachvollziehbar: Soziale Isolation, wirtschaftliche Unsicherheit, steigende Arbeitslosigkeit und finanzielle Belastungen wirken sich negativ auf die Psyche aus.
Könnte eine COVID-19-Infektion zusätzlich zu diesen pandemiebedingten Faktoren psychische Probleme auslösen? Und dringt das Virus dafür ins Gehirn ein?
Forscher der University of Oxford analysierten Daten von 69 Millionen US-Amerikanern. Sie verglichen COVID-19-Patienten mit Personen, die an Grippe oder anderen Atemwegsinfektionen erkrankten. So konnten Effekte schwerer Erkrankungen oder Krankenhausaufenthalte ausgeschlossen werden.
„Wir wissen, dass schwere Erkrankungen generell das Risiko psychischer Probleme steigern“, erklärt Prof. Paul Harrison, Psychiatrie-Professor an der University of Oxford und Hauptautor der Studie. „Doch COVID-19 erhöht dieses Risiko signifikant mehr als andere Infektionen.“
In der Studie erhielten von 62.000 COVID-19-Patienten ein Fünftel nach der Erkrankung eine Diagnose für Depressionen, Angststörungen oder Schlaflosigkeit. Etwa jeder 20. Patient entwickelte erstmals in seinem Leben solche Symptome. COVID-19-Patienten erhielten doppelt so häufig psychiatrische Diagnosen wie Vergleichsgruppen. Selbst milde Verläufe bargen Risiken innerhalb von drei Monaten.
Nach dem 1. April 2020, als die US-Corona-Todesfälle den Vietnamkrieg übertrafen, stieg das Risiko weiter. Die Experten führen dies auf Ängste vor Überlastung der Gesundheitssysteme und Hospitalisierung zurück.
Welcher Mechanismus steckt dahinter? „Manche Viren infizieren das Gehirn schwerwiegend, andere nicht. Bei COVID-19 ist das noch unklar“, betont Harrison.

Vergleichbare Coronaviren wie SARS und MERS erhöhten PTBS-Risiken auf fast ein Drittel, 15 % litten ein Jahr später unter Depressionen oder Angst. Mögliche Ursachen: Lebensveränderungen, Immunreaktionen, die das Gehirn beeinflussen.
Viren wie Influenza, Masern oder HIV können das Zentrale Nervensystem angreifen. Aktuelle Studien zur C-MORE-Initiative zeigen via MRT Gewebeveränderungen im Gehirn. Eine Temple-University-Studie belegt, dass Spike-Proteine die Blut-Hirn-Schranke entzünden und „undicht“ machen könnten.
„Hypothesen zu COVID-19-Effekten im Gehirn gibt es viele, Beweise fehlen noch“, sagt Harrison. „Laufende Studien klären das. Bei Bestätigung bräuchten wir präventive oder therapeutische Ansätze.“
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