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Freier Wille: Warum die Neurowissenschaft ihn nicht widerlegt – Ein Psychologe erklärt

Die Debatte um die Willensfreiheit hält an. Wir erleben uns als Entscheidungsfreie Wesen: Wenn Sie Lust auf Chips haben, können Sie welche kaufen und essen – oder stattdessen Gebäck, Salat oder gar nichts wählen. Das fühlt sich nach freiem Willen an.

Anders sehen es neurowissenschaftliche Erkenntnisse: Das Gehirn initiiert Handlungen oft, bevor wir uns ihrer bewusst werden. Als Psychologe mit langjähriger Expertise in Kognitionsforschung erkläre ich, warum das kein Beweis gegen freien Willen ist.

Das Gehirn reguliert Körperfunktionen, um uns am Leben zu erhalten. Es sitzt jedoch isoliert im Schädel, ohne direkten Weltzugang. Es verarbeitet Sinnesdaten – Ergebnisse äußerer Ereignisse – von Augen, Ohren und mehr. Ein lauter Knall könnte Donner, Schuss oder Trommel sein; jede Ursache erfordert andere Reaktionen.

Ohne direkten Ursprungs-Zugang prognostiziert das Gehirn basierend auf ähnlichen vergangenen Erfahrungen. Das ist effizienter als Neuland-Reaktionen. Diese Vorhersagen passen neuronale Aktivität an und bereiten Handlungen bis zu einer Sekunde im Voraus vor – alles unbewusst. Viele Forscher sehen darin den Kern unseres Handelns.

Aus dieser Sicht startet das Gehirn den Chips-Impuls, bevor "Sie" davon wissen. Automatische Vorhersagen aus Gedächtnis und Umwelt lenken uns. Das scheint freien Willen auszuschließen.

Doch hier ein oft übersehener Aspekt: Das Gehirn baut Vorhersagen aus vergangenen Erfahrungen auf. Jede neue Lektüre, jedes Gespräch, jedes Gelernte verändert diese – und damit zukünftige Prognosen und Handlungen.

Sie (Ihr Gehirn) lenken jetzt Ihre Zukunft, indem Sie neue Erfahrungen schaffen. Das ist eine zeitübergreifende Form von freiem Willen. Üben Sie Fähigkeiten wie Radfahren oder schwierige Gespräche, verfeinern Sie Vorhersagen, bis sie automatisch und wiederholbar werden.

Mit Übung und Engagement machen Sie gewünschte Verhaltensweisen wahrscheinlicher – mehr Kontrolle, als Sie ahnen.

  • Dieser Artikel erschien zuerst in Ausgabe 370 des BBC Science Focus Magazine.