Die Zahl der Menschen, die sich in der britischen Volkszählung als queer identifizieren, steigt stetig an. Besonders bei 16- bis 24-Jährigen wächst der Anteil von LGBT+-Identitäten. Am häufigsten nennen junge Erwachsene hier die Bisexualität – die romantische und/oder sexuelle Anziehung zu mehr als einem Geschlecht. Laut dem Office for National Statistics (ONS) kletterte der Anteil von 0,7 Prozent im Jahr 2015 auf 1,1 Prozent im Jahr 2019. Dieser Trend resultiert nicht aus plötzlichen Veränderungen der Begierden, sondern aus größerer Akzeptanz, besserem Rechtsschutz und höherer Sichtbarkeit.
Doch warum ist es wichtig, die Anzahl bisexueller Menschen zu erfassen und ihre Erfahrungen zu untersuchen? Die Forschung zu Bisexualität ist noch jung, zeigt aber klar: Queere Identitäten pauschal zu bündeln, macht die spezifischen Herausforderungen bisexueller Menschen unsichtbar. Zunächst ist es schwierig, präzise Zahlen zu ermitteln. Viele, die sich zu mehr als einem Geschlecht hingezogen fühlen, meiden das Label „bisexuell“. Deshalb greifen Wissenschaftler auf alternative Methoden zurück, um Sexualität zu messen und zu kategorisieren.
Ein bewährtes Instrument ist die Kinsey-Skala, entwickelt 1948 vom Biologen Dr. Alfred Kinsey. Sie ordnet Anziehungskräfte auf einer Skala von 0 (vollständig heterosexuell) bis 6 (vollständig homosexuell) ein, mit „X“ für Asexualität. Sie bleibt die populärste Methode und inspiriert Aussagen wie „Sind wir nicht alle ein bisschen bi?“.
YouGov-Umfragen 2019, die die Kinsey-Skala nachahmten, ergaben: Mindestens ein Drittel der 18- bis 24-Jährigen fühlt sich zu mehreren Geschlechtern hingezogen – im Kontrast zu den 1 Prozent im ONS-Bericht. Nur durch gezielte Forschung überwinden wir diese Zurückhaltung und klären, ob Betroffene mehr Unterstützung brauchen.
Seit Sozialwissenschaftler die Bisexualität separat analysieren, verstehen wir die einzigartigen Risiken besser. Bisexuelle Frauen werden oft hypersexualisiert; Stereotype porträtieren sie als promiskuitiv, was Vergewaltigungsmythen befeuert. Studien belegen: Bisexuelle Frauen erleiden häufiger Vergewaltigungen, wiederholten Missbrauch und Partnergewalt als lesbische oder heterosexuelle Frauen. Ohne spezifische Forschung wären diese Unterschiede verborgen geblieben.

Bisexuelle Männer stoßen auf andere Vorurteile: Sie gelten als selbsttäuschend oder als „verklemmte Schwule“. In den 1980er- und 1990er-Jahren wurden sie gar als AIDS-Überträger stigmatisiert, was sie isolierte und Aufklärungskampagnen umging.
Wir müssen die besonderen Bedürfnisse bisexueller Menschen anerkennen – insbesondere bei Männern. Andernfalls versäumen wir einen großen Bevölkerungsanteil. Bispezifische Forschung hilft, Vorurteile zu bekämpfen und Missverständnisse aufzulösen.
Als junger Forscher mit PhD in Kriminalpsychologie (2012) traf ich kaum Kollegen, die Bisexualität thematisierten – selbst in Sexualitätsvorlesungen nicht. Für mein Buch Bi: The Hidden Culture, History and Science of Bisexuality interviewte ich weltweite Experten aus diversen Disziplinen. Diese Arbeit zeigt: Sichtbarkeit und Unterstützung für Bisexuelle machen die Welt sicherer. Lassen Sie das „B“ nicht im Schatten der anderen queeren Identitäten verblassen.