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Mikrobiomfreundliche Schönheitsprodukte: Wirken sie wirklich? Experten klären auf

Schon bei der Geburt werden wir mit Billionen von Bakterienzellen besiedelt, die auf unserer Haut leben und unser einzigartiges Hautmikrobiom bilden – so individuell wie ein Fingerabdruck. Durch Lebensumstände, Begegnungen, Umwelteinflüsse und Alter verändert sich dieses sensible Ökosystem ständig.

Ein simpler Ausflug ins Freie oder das Zusammenleben mit einem Partner kann das Mikrobiom nachhaltig beeinflussen. Algorithmen erkennen Paare allein anhand ihrer Mikrobiome. „Das Hautmikrobiom ist ein natürliches Ökosystem aus Bakterien auf der Haut“, erklärt Kosmetiker und Hautspezialist Dr. Martin Kinsella. „Es schützt vor schädlichen Erregern und bildet die Basis für ein starkes Hautimmunsystem.“

Die nützlichen Bakterien ernähren sich von Salz, Wasser und Talg (Sebum), halten so das Gleichgewicht. Sie verdrängen Pathogene durch antimikrobielle Stoffe und Nährstoffe. Ist die Haut die erste Schutzbarriere, ist das Mikrobiom ihre Rüstung.

Studien zeigen: Babys per Kaiserschnitt, die nicht mit mütterlichen Vaginalbakterien in Kontakt kommen, haben ein höheres Risiko für Allergien und Asthma. UNICEF betont Haut-zu-Haut-Kontakt bei der Geburt, um das Mikrobiom des Babys mit schützenden Bakterien der Mutter zu besiedeln.

Störungen durch schädliche Bakterien oder Schäden führen zu Ungleichgewichten, die mit trockener Haut, Ekzemen, Akne und Psoriasis assoziiert sind. Laut dem Skin Microbiome in Healthy Aging-Netzwerk (SMiHA) leiden rund 50 Prozent der Briten jährlich unter mikrobiombedingten Hautproblemen.

„Chemikalien in Pflegeprodukten stören das empfindliche Fett- und Bakteriengefüge“, warnt Kinsella. „Besonders antibakterielle Stoffe und pH-verändernde Substanzen.“ Während der COVID-19-Pandemie zeigten Studien: Intensiver Desinfektionsmitteleinsatz verursachte Mikrobiomveränderungen und Hautschäden. Antibiotika und Medikamente zerstören nützliche Bakterien, fördern Infektionen.

Ein gestörtes Mikrobiom schafft einen Teufelskreis: Bei Ekzemen entzünden schädliche Bakterien wie Staphylococcus aureus die Haut, Kratzen öffnet Türen für mehr Erreger. Kate Porter, Gründerin von Harborist, ergänzt: „Schwere Ekzeme korrelieren mit S. aureus-Überwucherung. Reduktion könnte Symptome lindern – doch Ursache oder Folge?“

Mit dem Alter verändert sich das Mikrobiom weiter: Weniger Vielfalt begleitet Falten, Pigmentflecken und Trockenheit. Es schwächt UV-Schutz, erhöht Krebsrisiko. Studien deuten an: Hautmikrobiom spiegelt biologisches Alter präziser als Darmmikrobiom – potenziell sogar Lebenserwartung.

Mikrobiomfreundliche Schönheitsprodukte: Wirken sie wirklich? Experten klären auf

„Altern beeinflusst Mikroflora tiefgreifend“, so das SMiHA-Team. „Die Haut eignet sich ideal, um Mikrobiomveränderungen und biologisches Alter zu erforschen.“ Genetik und Lebensstil spielen mit, doch moderne Hygiene – tägliches Duschen, aggressive Produkte – trägt zur Störung bei. Finnische Forscher verknüpfen Artenarmut in Städten mit Allergieanstieg.

Marken kontern nun mit Prä-, Pro- und Postbiotika. Probiotika sind „gute“ Bakterien, Präbiotika ihre Nahrung, Postbiotika Fermentationsprodukte. Topische Probiotika sind regulatorisch heikel, Postbiotika wie Milchsäure (aus Lactobacillus) bewährt: Sie spendet Feuchtigkeit, mindert Alterungszeichen, beruhigt Rötungen.

Studien testen Mikrobiota-Transplantationen: 2018 in JCI Insight ersetzte Roseomonas mucosa S. aureus bei atopischer Dermatitis – mit weniger Schweregrad und Steroidbedarf.

Dennoch: Mechanismen sind weitgehend unbekannt, Ergebnisse umstritten. Nicht jede Kaiserschnitt-Studie bestätigt Immunschwächen. „Bei gesunder Haut ist das Mikrobiom gesund – aber bewiesen? Unser Wissen über Produkteffekte ist begrenzt“, meint SMiHA.

„Verbraucher wollen klare Inhaltsstoff-Wirkungen, doch Mikrobiome sind individuell und multifaktoriell“, sagt Porter. Initiativen wie Skin Trust Club sammeln Proben; Forscher prüfen Antibiotikaeffekte auf Resistenz.

„Kommerzieller Druck treibt Forschung, doch topische Effekte von Mikrobiom-Targeting auf Hautzellen zu isolieren, bleibt eine große Herausforderung“, schließt SMiHA.

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